Wie die Holländer den zweiten Weltkrieg erfuhren
und die Deutschen die Realität verdrängten.
Einleitung
Immer wieder muss ich feststellen,
dass
insbesondere jüngere Leute nicht wissen, wie die Niederländer den zweiten
Weltkrieg erlebt haben, oder sogar ganz falsche Vorstellungen über diese Zeit
vermittelt bekommen. In deutschen Schulbüchern wird dieser Teil der Geschichte
kaum erwähnt und vielen Schülern wird der falsche Eindruck vermittelt, dass
die Niederlande obwohl sie von Deutschland besetzt waren, trotzdem Herr im
eigenen Hause blieben. Holland sei neutral gewesen, so heißt es, doch nichts
ist weniger war! Deswegen möchte ich hier eine kurze Übersicht schreiben über
die wirkliche Situation während der Kriegsjahre in den Niederlanden, um so für
mehr Verständnis für das heutige Verhalten einiger Niederländer gegenüber
Deutschen zu werben.Der Holocaust , die Vernichtung der Juden, war ein
schweres Verbrechen, aber auch gegen ihre nicht-jüdischen Nachbarn haben die
Deutschen sich auf schlimmste Weise vergangen. Bei vielen Holländern bleibt es
eine unvergessliche Erfahrung, ein Trauma, das sie nie wieder loslassen wird.
Deutsche
Flugzeuge und Luftlandungstruppen über den Haag. Einige Tage später wurde
Rotterdam bombardiert
Die Niederländischen National Sozialisten (NSB)
In den Niederlanden war 1931 die NSB gegründet worden. Es war eine kleinere
politische Partei, die Hitlers Ideen für gut hielt. Bei den letzten Wahlen vor
1940 konnte die Partei etwas mehr als 4% der Stimmen auf sich vereinigen. Diese
kleine Gruppe Niederländer war erfreut über den deutschen Einmarsch und
Kapitulation am 15. Mai 1940. Am Anfang wuchs die Zahl der Mitglieder, aber eine
große Anhängerschaft konnte sie sich nie erwerben. Im Mai 1940 hatte die NSB
30.000 Mitglieder, diese Anzahl stieg auf 80.000 Ende 1941 und 100.000 Mitte
1943. Ab Mitte 1943 bis zum Ende des Krieges verminderte sich die Zahl der
Mitglieder wieder auf 80.000. Der verbreitete Eindruck, dass die Mehrheit der
Niederländer mit die Besatzung einverstanden und darüber glücklich waren,
stimmt also absolut nicht! In den Niederlanden wurden die NSB-Mitglieder
als Landesverräter angesehen. Es hatte aber auch Vorteile, NSBer zu sein. NSBer
bekamen z.B. leichter Arbeit vermittelt. Die Wehrabteilung der NSB, die
so genannte WA, paradierte provozierend in schwarzen Uniformen. Sie hatten ein
Art Polizeiaufgabe übertragen bekommen und wurde fast noch mehr gehasst als die
Deutschen selbst.
The Battle of Britain
Obwohl dieser Teil des Krieges nicht direkt etwas mit der Situation in den
Niederlanden zu tun hat, möchte ich nicht versäumen, (da auch hier die
Geschichtsbücher große Lücken aufweisen,) die Luftschlacht um England zu
erwähnen, die am 10. Juli 1940 anfing und bis Oktober 1940 anhielt. Auch in den
Niederlanden hörte man von den deutschen Terrortaten, zuerst über
Zeitungsberichten oder das Radio (u.a. die Propaganda-Sendungen des deutschen
Nachrichtenbüros), aber auch durch den nächtlichen Lärm der überfliegenden
Bomber. London wurde 57 Nächte hintereinander von den Deutschen bombardiert,
zehntausende Male gab es Feuer und mehr als eine Million Häuser wurden
verwüstet oder schwer beschädigt. Auch andere Städte, wie Liverpool und
Coventry wurden getroffen. Insgesamt fielen während des "Blitz"es
190.000 Tonnen Bomben auf London, etwa 100.000 Menschen wurden getötet oder
verwundet. Es darf nicht verwundern, dass England dies vergelten wollte, was
dann auch in 1942 (Köln) und 1943 (Hamburg) der Fall war.
Die Zeit der Besatzung verlief in 4 Phasen
Die erste Phase
der deutschen Besatzung war von äußerlicher Ruhe
gekennzeichnet. Die deutschen Besetzer hielten sich zurück und die meisten
Niederländer 0versuchten das tägliche Leben so normal wie möglich zu gestalten. Doch schon am 17. Juni 1940 wurden primäre Lebensmittel, sowie
wichtige Dinge des täglichen Lebens rationiert. Die Schuhproduktion
beispielsweise arbeitete jetzt in erster Linie für das Militär, so dass im
Laufe des Jahres 1942 ein großer Mangel an Schuhen bei der Zivilbevölkerung
auftrat. Der Geburtstag von Prinz Bernhard, im Juni 1940, wurde von der
Bevölkerung begeistert gefeiert, eine Demonstration für die ins Ausland
geflüchtete königliche Familie. Dies war eine peinliche Situation für die
Deutschen und die NSB, die mit strengen Maßnahmen drohten, wenn sich solche
Feierlichkeiten zum Geburtstag der Königin oder der Prinzessin wiederholen
sollten. Ab diesem Moment war es auch verboten rot-weiß-blaue Radfähnchen zu
führen oder Schmuck mit einem Bildnis der Königin zu tragen. Auch Bilder der
königlichen Familie in öffentlichen Gebäuden und Schulen wurden nicht länger
geduldet. Im Juli 1940 begann Radio-Orange mit der Ausstrahlung von Sendungen
aus London. Das Abhören des Senders wurde unter Strafe gestellt. Anfang Januar
1941 wurden die Niederländer, die ganz oder teilweise Juden waren,
verpflichtet, sich registrieren zu lassen. Beamten brauchten einen
"Ariernachweis".
Die zweite Phase
begann im März 1941. Der Protest der Niederländer
gegen die ersten Razzien bei Juden und deren Abtransport aus Amsterdam,
verschärfte die Reaktion der Besatzung. Der Sicherheitsdienst (zum Einholen von
Informationen) und die gefürchtete Sicherheitspolizei waren inzwischen
Aufgestellt worden. Die Irritation der Bevölkerung nahm zu und der organisierte
Widerstand breitete sich langsam aus. Eine zweite Deportation jüdischer
Männer fand im Juli 1941 statt. Die niederländische Bevölkerung wurde
verpflichtet Haushaltsgegenstände aus bestimmten metallen für die deutsche
Industrie abzuliefern, und die gesamte niederländische Nordseeküste wurde zum
verbotenen Gebiet erklärt. Dort ansässige Familien wurden zur Evakuation
gezwungen. Auch meine Familie und ich, mussten von Scheveningen in eine Wohnung
am Rande von Den Haag umziehen und dann, nur 5 Wochen später, erneut
übersiedeln in ein schlechteres Stadtviertel, in eine alte, unbequeme, feuchte
Wohnung. Einen Schadensausgleich gab es natürlich nicht und auch
Baumaterialien, wie neue Fußböden, waren auf dem freien Markt nicht mehr zu
bekommen. Ältere Ehepaare wurden oft bei Leuten auf dem Lande einquartiert, so
auch meine Großeltern, die von Scheveningen nach Opheusden transportiert wurden.
Sie waren ihr ganzes Leben lang noch nicht verreist und kamen nun plötzlich
in eine ganz fremde Umgebung, weit entfernt von ihren Kindern, so dass sie
auch auf die regelmäßigen wöchentlichen Besuche verzichten mussten.
Ab
Mai diesen Jahres, wurden die Juden gezwungen einen gelben David-Stern zu
tragen. Die ersten Judendeportationen nach Auschwitz und anderen Orten
begannen. Schon zu Beginn der Besatzung wurden Arbeitslose und Studenten zum
Arbeitseinsatz in der Kriegsindustrie in Deutschland verpflichtet. Später,
ab März 1942, mussten auch geschulte Arbeitnehmer gezwungener Maßen in
Deutschland arbeiten. Im September 1942 wurden die silbernen
niederländischen Münzen aus dem Verkehr gezogen und durch Zinkmünzen mit
germanischen Abbildungen ersetzt. Der Widerstand wuchs und
organisierte sich. Bahngleise wurden demoliert und Ausgabebüros für
Distributionsbons überfallen. Schwere Strafen waren die Folge,
Inhaftierungen und sogar Exekutionen waren kein Einzelfall.
Die dritte Phase
begann im April / Mai 1943. Juden waren im ganzen Land
nicht länger geduldet und mussten sich zum Abtransport melden. Unruhe breitete
sich im ganzen Land aus und in vielen Betrieben gab es Streiks und
Arbeitsunterbrechungen. Die Besatzung verkündete das Polizei-Stantrecht.
Festgenommene Streikende wurden ohne weiteres zum Tode verurteilt.
Untergetauchte versteckten sich oft in einem Loch unter dem Fußboden, aber
viele wurden während Razzien entdeckt und abtransportiert oder bei eventueller
Flucht einfach erschossen
Sofortige
Exekutionen fanden statt. An einem Tag wurden 80 standrechtliche Todesurteile
vollzogen und 95 Personen ohne Prozess erschossen. Tausende wurden verhaftet.
Der Streik war damit gebrochen, die Unruhe aber blieb und die deutschen
Behörden verschärften wiederum ihr Vorgehen. Im Mai mussten Radios
eingeliefert werden. Der Widerstand unter der Bevölkerung nahm weiter zu. Man
dachte, dass die Besatzung nicht mehr lange dauern könnte und man erfuhr über Radio-Oranje, oder aus illegalen Zeitungen von den Verlusten der Deutschen. Am
9. September 1943 war die Landung der Alliierten bei Salerno. Im Januar 1944
gelang es russischen Truppen die Deutschen aus Leningrad zu verjagen. Im Juni 1944 fand die Landung der Alliierten an der Küste der Normandie statt. Im
August 1944 wurde Paris befreit .u.s.w. Der organisierte Widerstand (die sog.
"Knokploegen") verübten fast täglich Attentate auf Büros zur
Bevölkerungsregistrierung und setzten Brände. Das Ziel war die Vernichtung der Bevölkerungsakten, um die erzwungenen Arbeitseinsätze zu erschweren. Viele
Männer wollten sich nicht am Arbeitseinsatz beteiligen und waren untergetaucht, entweder
auf dem Lande bei Bauern oder bei Bekannten in der Stadt. Bei mehreren
Überfällen auf öffentliche Gebäude wurden tausende von Distributionskarten und
unausgefüllte Identitätskarten (Ausweise) gestohlen, um den Lebensunterhalt von
Untergetauchten zu sichern.
Razzia
Ein Wort, das viel beinhaltet, das man aber erst selbst erlebt haben muss, um
einigermaßen verstehen zu können, was es bedeutet. Als kleiner Junge war ich
ein paar mal Augenzeuge einer Razzia und das hat mich sehr beeindruckt. Sie
verliefen folgendermaßen: Plötzlich fuhr eine Kolonne Militär-LKWs, mit
schwer bewaffneten Soldaten in die Straße. An allen Ecken des Viertels legte
sich ein Soldat hinter sein Maschinengewehr. Die übrigen Soldaten begannen
entlang den Straßen alle Häuser zu durchsuchen. Es wurde laut geklingelt. Zwei
Soldaten betraten die Wohnung und fingen an, ungefragt, alle Räume zu
durchsuchen. Sie schauten hinter Vorhänge, in Schränke, u.s.w., klopften an
Wände und schossen durch die Wände hinter denen sie Hohlräume vermuteten. Sie
schrieen laut und gingen wieder fort. Auch auf der Straße wurde laut geschrieen
und ab und zu hörte man einen Schuss, wenn ein Untergetaucherter zu fliehen
versuchte. Es war eine furchtbare Erfahrung. entdeckte Männer wurden
zusammengeführt und in einen LKW geladen, danach abtransportiert. Frauen und
Kinder blieben klagend und schimpfend
zurück.
Insgesamt wurden ohne die vom Holocaust betroffenen
niederländischen Juden etwa 550.000 Personen aus den Niederlanden zum
größtenteils erzwungenen Arbeitseinsatz nach Deutschland verbracht. Zu diesem
Ergebnis kommt jedenfalls Gerben van den Berg, ein ehemaliger Zwangsarbeiter,
der in der Vereniging van ex-Dwangarbeiders Nederland in de Tweede Wereldoorlog
mitarbeitet und seit vielen Jahren Unterlagen über den Reichseinsatzsammelt,
auswertet und archiviert. Die Zahl der Zwangsarbeiter, die in Deutschland
zwischen 1940 und 1945 ihr Leben verloren, schätzt er auf mindestens 35.000.
Die vierte Phase verlief von September 1944 bis zum
Ende des Krieges. Sie
dauerte 8 Monate. Es waren Monate geprägt von Kälte und Hunger, von
Demütigung und Terror, von Razzien, Raub und gesetzlicher Willkür. Der
Widerstand hatte am 1. Oktober im Dorf Putten einen deutschen Offizier
erschossen. Es folgte eine Razzia, bei der alle ansässigen Männer im Alter
zwischen 18 und 30 Jahren verhaftet und abtransportiert wurden. Nur wenige
kehrten zurück. Im Oktober und November fanden in Rotterdam, Utrecht, Amersfoort, Schiedam
und Den Haag erneut Razzien statt. Man brauchte Arbeiter,
um ein letztes Verteidigungswerk gegen die Alliierten zu errichten, den sog.
Westwall. Es gelang nicht die erforderlichen Arbeiter über die
niederländischen Behörden zu bekommen und deshalb wurde Gewalt eingesetzt. Der
Stadt Apeldoorn drohte man sogar mit einem Bombenangriff. Um Ihren Forderungen
Kraft zu verleihen, erschossen die deutschen Soldaten eine Anzahl gefangen
genommener Mitglieder des Widerstands und andere
Menschen, die sich versteckt
gehalten hatten. Die Leichen wurden an Straßenecken abgelegt. Verängstigt und
beeindruckt meldeten sich in den darauf folgenden Tagen 11.000 Männer. Während
des Krieges wurden insgesamt 6.000 Widerständler getötet. Inzwischen waren am
14. September 1944 die Stadt Maastricht und am 27. September Helmond und Oss in
der Provinz Brabant, im Süden der Niederlande, von den Alliierten Truppen
befreit worden. Die Befreiung, so meinte man im Westen des Landes, konnte nun
nur noch eine Sache von Tagen sein. Wir waren heilfroh und feierten schon. Die
deutschen Soldaten gerieten in Panik und versuchten mit gestohlenen Autos,
Fahrrädern oder Pferden in die Heimat zu fliehen. Aber, man hatte zu früh
gefeiert. Das Ziel der Alliierten den Rhein und andere große Flüsse zu
überqueren misslang, durch Fehlstrategien und großen Widerstand der deutsche
Truppen, die ihre Disziplin wieder gefangen hatten und beauftragt waren, bis zum
letzte Mann zu kämpfen. Es fanden schwere Kämpfe statt, die viele Opfer, auch
unter der Zivilbevölkerung, fragten. Die Kämpfe endeten, auch schon wegen der
schlechten Witterungsverhältnisse, in der Mitte der Niederlande. Es war eine
militärische Pattsituation entstanden. Um das Vorrücken der Deutschen und
deren Transport von Munition und anderen Materialien zu erschweren, wurde ein
Bahnstreik organisiert. Alle Mitarbeiter der niederländischen Bahn erschienen
nicht zur Arbeit. Maschinisten und das übrige Personal musste daraufhin
untertauchen. Im Oktober 1944 wurde die ganze Provinz Brabant befreit und im
November die Provinz Zeeland. Erst im März des darauf folgenden Jahres gelang
es den Alliierten den Rhein bei Remagen zu überqueren und erst im März / April
werden die östlichen und nördlichen Provinzen befreit, ausgenommen die
Watteninseln und Delfzijl an der Ems. Am 30. April beging Adolf Hitler
Selbstmord und am 6. Mai war der Krieg für die Niederlande vorbei, die Deutsche
Armee hatte kapituliert.
Hungerwinter
"Schlange stehen" für das Wenige das mit Distributions-Bons noch zu
bekommen war und Essen aus der "gaarkeuken" so sah der Alltag aus.
Der Bahnstreik brachte den Deutschen natürlich Probleme, aber
möglicherweise brachte er der niederländischen Bevölkerung noch mehr
Probleme. Denn der Transport von Lebensmittel, Steinkohl und anderen
lebensnotwendigen Dingen wurde mit ihm ebenfalls unterbunden. Es entstand
Nahrungsmangel, die Öfen konnten nicht mehr beheizt werden und die Gas- und
Elektrizitätswerke mussten ihre Arbeit einstellen, so dass auch Gas zum Kochen
und Elektrizität zur Beleuchtung fehlten. Alle anderen transportmittel außer
der Bahn, nutzte die Besatzung für ihre Truppentransporte. Übrigens gab es
schon direkt nach Beginn der Besatzung kein Benzin für private PKW 's, Taxen und Busse mehr. Aus Not versah man einige Gefährte mit Generatoren, einer Art
großem Holzofen, die am Heck oder auf dem Dach befestigt wurden. Da die
Menschen im Westen des Landes auch in den vorangegangen Jahren nicht ausreichend
gut ernährt worden waren, wurde nun eine Katastrophe ausgelöst, die man
miterlebt haben muss, um sie verstehen zu können. Darum beschreibe ich die
Vorkommnisse hier etwas ausführlicher. Zu Beginn war die Situation noch
erträglich. Es gab schon längere Zeit sog. "Centrale keukens" ( zentrale
Küchen), die nur von einigen Hilfsbedürftigen genutzt wurden, doch jetzt war auf
einmal die ganze Bevölkerung der Westprovinzen auf diese Institution angewiesen.
Einmal am Tag, später nur einmal in der Woche, erhielt eine Familie, gegen
spezielle Essenbons eine Art Eintopf oder Suppe. Es waren kleine Portionen von
einer miserablen Qualität. Viel Kohl, wenig Kartoffeln, kein Fleisch und kein
Fett. Man musste in langen Schlangen warten, bis man endlich an die Reihe kam.
Wir, als Kinder stürzten uns auf die leeren Behälter, um mit einem Löffel oder
mit unseren Hände die letzten Reste heraus zu kratzen, um damit unser
Hungergefühl, das immer da war, zu lindern. Mit den Bezugsscheinen konnte man
nun kaum noch etwas bekommen. So hatten wir für unsere ganze Familie nur ein
halbes Brot für eine ganze Woche zur Verfügung. Wir ernährten uns von
Tulpenzwiebel und Zuckerrüben. Am Anfang versuchten wir die Zwiebeln zu backen
und die Rüben zu kochen, aber da es später auch keine Kohle für den Herd gab,
mussten wir die Rüben einfach roh essen. Wir hungerten und verloren an Gewicht.
Eine neue Krankheit trat auf, Hungerröteln. Die Menschen bekamen dicke Beine und
Bäuche und es starben in diesem Winter viel mehr Menschen als in einem normalen
Winter. Ich erinnere mich an eine ältere Frau, die auf
einmal hinfiel und tot liegen blieb. Auch viele Kinder haben diesen Hungerwinter
nicht überlebt und auch für mich hätte er nicht länger dauern dürfen. Mein Vater
hatte sich während der Kriegsjahre nicht zum Arbeitseinsatz gemeldet. Tagsüber
war er meist außer Haus und im November zog er mit einem Freunden und einem
Handkarren in Richtung befreite Gebiete, um zu versuchen etwas Essbares bei
Bauern zu erhalten und wenn möglich mit nach Hause zu bringen. Sie waren nicht
die Einzigen, die so loszogen, denn es waren Tausende unterwegs auf dem so
genannten "Hungerzug". Die meisten deutschen Soldaten ließen dies durchgehen.
Doch einige Offiziere hielten es für notwendig Kontrollen einzurichten und dann
mussten die erworbenen Lebensmittel, ein kleines Stück Speck, ein bisschen Mehl
oder ein paar Kartoffeln, zurückgelassen werden. So kam auch mein Vater erst
Wochen später zurück, nur mit einem kleinen Stück Speck, das er vor einer
Kontrolle hatte retten können.
Mit knapper Not, habe ich den
Hungerwinter überlebt
Es gab nicht nur Hunger in diesem Winter, es war auch
erbärmlich kalt. Ohne Heizung blieb einem nichts anderes übrig als im Bett zu
bleiben oder sich in Decken gehüllt nebeneinander zu kauern. Die Schulen waren
schon lange geschlossen, weil die Lehrer im Arbeitseinsatz waren, aber auch weil
es keine Heizung mehr gab. Ich versuchte tagsüber den Hunger zu vergessen,
indem ich Bücher las. Ich glaube, dass ich in diesem Hungerwinter mehr Bücher
gelesen habe, als im Rest meines Lebens. Weil es keine Elektrizität gab, wurde
abends ein primitives, selbst gebasteltes Öllämpchen angezündet. Als
Brennstoff diente Nähmaschinenöl oder Lebertran. Das Öllämpchen gab nur
wenig Licht und stank wie die Pest.
Die Deutschen hatten gerade die Fliegerbombe
entwickelt, eine Art Rakete, die immer von anderen Lancierstellen in Richtung England abgeschossen wurde. Erst gab es die V1 und später die viel
gefährlichere V2. Diese Raketen machten fürchterliche Geräusche. Schlimmer
war es aber, wenn das Geräusch plötzlich aufhörte. Dann wusste man, jetzt
fallen sie herunter. Dies passierte immer wieder, da die Projektile noch in der
Entwicklung waren. Sobald wir eine V1 oder V2 hörten, flohen wir in die Ecke
des Flurs, in der eine Treppe zu unseren Nachbarn hochführte und warteten bis
das Geräusch abebbte. Erst dann waren wir wieder beruhigt. Wenn das Geräusch
aber plötzlich aufhörte, überfiel uns eine fürchterliche Angst. Sobald wir
den tröhnenden Einschlag hörten, wussten wir, dass wir verschont geblieben
waren und dass das Projektil ein Haus in einer anderen Straße oder ein anderes
Stadtviertel verwüstet hatte und wiederum Tote zu beklagen waren. Ich träumte
immer wieder von frisch gebackenen Brötchen, dick mit Butter beschmiert und mit
ganz vielen Schokoladenstreusel drauf. Es war für mich das Schönste, was es
auf der Erde gab. Als ich dann erwachte, war der Hunger um so schlimmer. Dieser
nagende Hunger, die tödliche Angst und die bittere Kälte werde ich mein ganzes
Leben lang nicht vergessen können. und dies gilt selbstverständlich für viele
tausende meiner Landsleute. Wie schön war es, als im April 1945 alliierte
Flugzeuge anfingen Lebensmittelpakete abzuwerfen. Die Deutschen hatten
schließlich zugestimmt. Ich erinnere mich an die Schwärme von Bombern, aus
denen keine Bomben abgeworfen wurden sondern Fallschirme mit Lebensmitteln. Es
gab plötzlich wieder Brot, Kekse, Butter, Käse und, was wir gar nicht kannten,
Corned beef. Am 6. Mai waren wir endgültig von den Deutschen befreit und
konnten wir feiern. Der Idiotismus war besiegt.
Überlegungen
Nachdem am 9. September 1943 die Landung der Alliierten bei
Salerno stattgefunden und im Januar 1944 russische Truppen die Deutschen aus
Leningrad vertrieben hatten, hätte es Hitler eigentlich klar sein müssen, dass
der Krieg für Deutschland nicht mehr zu gewinnen war. Als Repressalie gegen die
Angriffe auf London hatte die Britische Luftwaffe (RAF) schon 1942 Köln
bombardiert und 1943 Hamburg. Beide Bombardements hatten große Verluste für die
Städte zur Folge und forderten viele Todesopfer. trotz allem wollte Hitler
weiter machen und riskierte damit noch viel mehr Verluste. Immer wieder forderte
er seine Offiziere und Soldaten auf bis zum letzten Blutstropfen zu kämpfen.
Das Städtchen Heusden hatte in den letzten Stunden der
Zweiten Weltkrieg viel zu leiden. Als die deutschen Besatzungstruppen im Herbst
1944 den Ort vor den Alliierten räumen mussten, sprengten sie das schöne alte
Rathaus, in das sich viele Bürger der Stadt wegen der Beschießungen
zurückgezogen hatten. Dabei kamen 134 Menschen ums Leben. Ein Kriegsverbrechen
das nur wenigen bekannt ist. Wenige Stunden später wurde Heusden von den
Allierten befreit. Das Rathaus ist übrigens nie wieder aufgebaut worden.
Erst
am 20. Juli 1944 (viel zu spät natürlich) versuchten einige Offiziere Hitler zu
beseitigen. Sie hatten endlich eingesehen, dass es kaum noch eine Chance gab.
Das Attentat mit einer Zeitbombe misslang. Keiner der Offiziere hatte den Mut
gehabt Hitler mit einem Pistolenschuss zu töten. In diesem Zusammenhang kann man
die Palästinensischen Selbstmordattentäter eigentlich "bewundern". Diese opfern
für ihr Ziel und im Interesse des eigenen Volkes, ihr eigenes Leben. Dies heißt
nicht, dass ich mit diesen Aktionen einverstanden bin. Im Falle Hitlers wäre es
aber wohl sinnvoll gewesen. Viel unnötiges Leid hätte man so verhindern können.
Es wäre schließlich auch für Hitler eine gute Lösung gewesen, denn er
hätte sich kurz vor dem Ende des Krieges nicht selbst feige umbringen müssen.
Hitler nahm auf fürchterliche
Weise Rache und dachte nicht daran mit dem wahnsinnigen Krieg aufzuhören. Es
sollten noch Hunderttausende sterben müssen und noch viele Städte bombardiert
werden. Komischerweise wurde noch immer "Heil Hitler" gerufen und bei
den meisten Deutschen hielt sich erstaunlicherweise der Glaube an den Führer.
In den letzten Kriegstagen wurden sogar Jungen im Alter von 14 Jahren (also
Kinder) in den Krieg geschickt. Eigentlich sind sie von ihren Eltern geopfert
worden, denn die meisten dieser Kinder haben es nicht überlebt. Die alliierten
Bombardements wurden aber in Deutschland kräftig kritisiert und sogar noch
heute muss ich hören, "das wäre doch nicht notwendig gewesen.",
wobei man vergisst, dass nicht die Alliierten, sondern allein "der
Führer" dafür die Schuld trägt. Wenn er und seine Trabante eingesehen
hätte, dass der Krieg nicht zu gewinnen war, dann wäre auch dem deutschen Volk
und seinem Militär viel Schlimmes erspart geblieben und es hätten die
Bombardements auf so viele andere deutsche Städte nicht stattgefunden.
Sein
Selbstmord war bestimmt für viele Deutsche eine Enttäuschung. Der Frust das
"Ziel " nicht erreicht zu haben, muss groß gewesen sein und ist es,
nach meiner Erfahrung, bei vielen älteren Leuten auch heute noch. Für jeden
Deutschen ist der Krieg verloren worden, nur wenige wagen zu sagen "wir
sind von einem Idioten betrogen und ins Elend gestürzt worden und sein Tot war
für uns eine Befreiung." So gibt es in Deutschland auch keinen allgemeinen
Feiertag, an dem man dem Alptraum des verlorenen Krieges bzw. der gewonnenen
Freiheit gedenkt. Schade eigentlich!